Sachsen plant eine Überarbeitung seines Netzes der berufsbildenden Schulen. Zwar sollen alle bisherigen Beruflichen Schulzentren erhalten bleiben. Doch nicht alle Ausbildungsberufe und Jahrgänge werden künftig an ihren bisherigen Standorten unterrichtet. Der Arbeitsentwurf des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus liegt seit Juli 2026 vor. Der neue Teilschulnetzplan soll zum Schuljahr 2027/2028 in Kraft treten.
Das Ministerium verfolgt damit vor allem drei Ziele: mehr Standort- und Planungssicherheit sowie ein ausgewogenes Angebot beruflicher Bildung in den Regionen.
Das klingt zunächst vernünftig. Schließlich verändern sich Schülerzahlen, Ausbildungsberufe und die Anforderungen der Wirtschaft. Doch entscheidend ist, nach welchen Maßstäben die Veränderungen geplant werden. Stehen die Bedürfnisse der Auszubildenden und die Qualität ihrer Ausbildung im Mittelpunkt? Oder geht es vor allem um Auslastung, Mindestklassengrößen und die Verfügbarkeit von Lehrkräften?
Der SLV-Fachverband berufsbildende Schulen sieht die geplante Fortschreibung kritisch. Denn sie wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Zentralisierung verträgt die berufliche Bildung, wie pädagogisch sinnvoll ist eine weitere Klassenoptimierung – und wie weit darf der Weg zur Berufsschule für die Azubis werden?
Berufsschulen sind keine beliebig verschiebbaren Standorte
Die berufliche Bildung unterscheidet sich grundlegend von der allgemeinbildenden Schule. Jugendliche besuchen eine Berufsschule nicht allein deshalb, weil sie in einem bestimmten Ort wohnen. Ihr Ausbildungsplatz entscheidet häufig mit darüber, welchen Beruf sie erlernen.
Werden Fachklassen an andere Standorte verlagert, hat das unmittelbare Folgen für die Auszubildenden: längere Fahrtzeiten, zusätzliche Kosten, gegebenenfalls notwendige Übernachtungen und eine höhere zeitliche Belastung. Auch die Ausbildungsbetriebe sind betroffen. Sie haben es deutlich leichter, Auszubildende zu gewinnen, wenn das zuständige Berufliche Schulzentrum gut erreichbar ist.
Deshalb reicht es nicht aus, zu prüfen, ob ein Ausbildungsstandort statistisch ausreichend ausgelastet ist. Entscheidend ist ebenso, ob die Ausbildung unter realistischen Bedingungen erreichbar bleibt. Berufsschulen sind zudem weit mehr als reine Lernorte. Sie sind ein wichtiger Bestandteil regionaler Wirtschaftsstrukturen. Sie verbinden Ausbildungsbetriebe, Jugendliche, Lehrkräfte und regionale Arbeitsmärkte. Gleichzeitig stärken sie die Wirtschaftskraft ihrer Region und sichern dort berufliche Perspektiven.
Sachsen spricht zu Recht über den Fachkräftemangel. Gleichzeitig steht zur Diskussion, wo junge Menschen künftig noch ihren Wunschberuf erlernen können. Dieser Widerspruch lässt sich nicht einfach hinnehmen. Auch der häufig angeführte künftige Lehrkräftemangel im berufsbildenden Bereich ist kein ausreichendes Argument, um Ausbildungsberufe erneut an andere Standorte zu verlagern.
Eine Berufsausbildung in der Fläche ist eine Investition – keine Belastung
Qualität darf nicht mit Zentralisierung gleichgesetzt werden. Natürlich gibt es gute Gründe für spezialisierte Berufsschulstandorte. Bestimmte Ausbildungsberufe haben nur wenige Auszubildende. Moderne Werkstätten, Labore und spezielle technische Ausstattungen erfordern zudem erhebliche Investitionen, die von vielen Schulträgern in den vergangenen Jahren bereits aufgebracht wurden.
Ein Beispiel ist der Standort Zschopau mit seiner Ausbildung im Bereich Zerspanung sowie der Fachoberschule für Technik. Die dortige Ausstattung orientiert sich an modernsten Industriestandards. Sie ermöglicht eine praxisnahe Ausbildung unter realistischen Bedingungen der Industrie 4.0. Auch die Lehrkräfte sind hoch spezialisiert und umfassend fortgebildet.
Trotz dieser Voraussetzungen soll das dritte Ausbildungsjahr künftig in Chemnitz stattfinden. Das wirft eine grundlegende pädagogische Frage auf: Wie sinnvoll ist es, den Ausbildungsstandort nach zwei Jahren zu wechseln? Ein solcher Wechsel muss fachlich und pädagogisch begründet werden. Die vorhandene Ausstattung und die Expertise der Lehrkräfte dürfen dabei nicht unberücksichtigt bleiben.
Vogtland: Ausbildungsangebote sollen wegfallen
Noch härter treffen die geplanten Änderungen die drei Beruflichen Schulzentren im Vogtland. Keines von ihnen soll entsprechend dem Entwurf des SMK zusätzliche Bildungsgänge erhalten. Stattdessen sollen Ausbildungsberufe an andere Standorte verlagert werden. Betroffen sind unter anderem die Kochausbildung, die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker und verschiedene Textilberufe. Auch die Fachoberschule für Technik soll geschlossen werden. Das gilt trotz gestiegener Nachfrage und betrifft sowohl den Standort im Vogtland als auch den in Zschopau.
Erzieherausbildung: Erst aufgebaut, dann wieder abgeschafft?
Auch die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern ist betroffen. Sie wurde erst vor rund fünf Jahren an den staatlichen Beruflichen Schulzentren etabliert. Dafür stellte man eigens ausgebildete Fachlehrkräfte ein. Nun soll dieses Angebot fast vollständig wieder abgeschafft werden.
Ein solches Vorgehen wirft Fragen zur langfristigen Planungssicherheit auf. Ausbildungsangebote entstehen nicht von heute auf morgen. Sie benötigen qualifiziertes Personal, geeignete Rahmenbedingungen und eine verlässliche Perspektive. Werden sie nach wenigen Jahren wieder zurückgenommen, stellt sich die Frage, wie sinnvoll die vorherigen Investitionen waren und welche beruflichen Perspektiven den betroffenen Lehrkräften bleiben.
Die Folgen möglicher Standortverlagerungen betreffen ohnehin nicht nur die Auszubildenden. Auch die meist hoch spezialisierten Berufsschullehrkräfte müssen wissen, unter welchen Bedingungen und in welchen Einsatzfeldern sie künftig arbeiten können. Was geschieht, wenn ihr bisheriges Einsatzgebiet erneut wegbricht? Diese Frage stellt sich besonders für Lehrkräfte, die bereits über langjährige Berufserfahrung verfügen und ihre fachliche Expertise an bestimmten Standorten aufgebaut haben.
„Berufsschulen gehören in die Regionen“
Im Februar 2026 formulierte Kultusminister Conrad Clemens einen bemerkenswerten Satz: „Berufsschulen gehören in die Regionen und nicht auf die Streichliste.“
An diesem Anspruch muss sich die geplante Fortschreibung des Teilschulnetzplans messen lassen. Wenn Ausbildungsberufe verlagert oder Bildungsgänge geschlossen werden, können Standorte auch ohne formelle Schließung geschwächt werden. Eine solche schleichende Ausdünnung darf die politische Zusage nicht durch die Hintertür relativieren.
Entscheidend ist, ob junge Menschen in Sachsen auch künftig ihren Wunschberuf wohnortnah, gut erreichbar und unter vernünftigen Bedingungen erlernen können. Ebenso wichtig ist, dass die beruflichen Schulen ihren Bildungsauftrag mit qualifizierten Lehrkräften, geeigneter Ausstattung und verlässlichen Ausbildungsangeboten erfüllen können.
Jetzt muss der Entwurf kritisch geprüft werden
Der neue Teilschulnetzplan ist noch nicht beschlossen. Genau deshalb besteht jetzt die Chance, ihn kritisch zu prüfen, Änderungen einzufordern und Alternativen ernsthaft zu diskutieren. Der Arbeitsentwurf wird derzeit mit Schulträgern und dem Landesausschuss für Berufsbildung beraten; Anpassungen sind ausdrücklich noch möglich. Denn am Ende geht es nicht um die Frage, wie viele Berufsschulstandorte Sachsen sich leisten kann. Es geht um eine viel grundlegendere Frage:
Wie viel ist Sachsen bereit, in die berufliche Zukunft seiner jungen Menschen zu investieren?
Natürlich muss ein Berufsschulnetz regelmäßig überprüft werden und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst werden. Aber aus der Notwendigkeit zu planen, folgt jedoch nicht automatisch die Notwendigkeit zu zentralisieren.
Wer Ausbildungsangebote an andere Standorte verlagern will, muss deshalb konkret erklären, welches Problem die jeweilige Maßnahme lösen soll. Ebenso muss geprüft werden, ob mögliche finanzielle Einsparungen für den Freistaat Sachsen die Nachteile für alle Betroffenen tatsächlich überwiegen. Dazu gehören die Auszubildenden, die Ausbildungsbetriebe, die Lehrkräfte, die Schulträger und die betroffenen Regionen.
„Effizienz“ allein ist keine ausreichende Begründung. Das gilt ebenso für den pauschalen Verweis auf zu geringe Schülerzahlen oder nicht erreichte Mindestklassengrößen.
Denn hinter jeder Zahl stehen (junge) Menschen.
Autorin: Doreen Stockmann, Fachverbandsvorsitzende
