Die am 8. September 2026 veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025 zeigen für Deutschland die niedrigsten Kompetenzwerte in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik seit Beginn der Erhebungen; rund ein Fünftel der 15-Jährigen erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen, und der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Kompetenzniveau ist so stark wie nie zuvor. Der SLV ordnet die Ergebnisse ein und verweist auf die Situation im Freistaat.
Frühkindliche Bildung: Geburtenknick als Chance nutzen
„Wer über Basiskompetenzen mit 15 Jahren spricht, muss zehn Jahre früher ansetzen“, sagt Landesvorsitzender Michael Jung. „Sprachliche und kognitive Grundlagen werden im Kita-Alter gelegt, und genau dort haben wir gerade eine seltene Gelegenheit: Die Geburtenzahlen in Sachsen sinken spürbar. Das bedeutet automatisch, dass Erzieherinnen und Erzieher frei werden, wenn Gruppen kleiner werden oder Einrichtungen weniger Kinder aufnehmen. Diese Fachkräfte dürfen jetzt nicht abgebaut werden, sondern müssen im System gehalten werden – für einen besseren Personalschlüssel und für eine deutlich intensivere individuelle Betreuung, gerade auch bei der Sprachentwicklung. Wenn wir diesen demografischen Umbruch jetzt verschlafen, verschenken wir eine Chance, die sich so schnell nicht wiederholt.“
Verpflichtendes Vorschuljahr: Ankündigung muss Praxis werden
Michael Jung verweist zudem auf eine bereits vereinbarte, aber bislang nicht umgesetzte Reform: „CDU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag auf ein kostenloses, verpflichtendes Vorschuljahr geeinigt. Das war richtig – aber eine Ankündigung ersetzt keine Umsetzung. Aktuell entscheidet zu stark das Elternhaus darüber, mit welchem Sprachstand und welchen grundlegenden Fähigkeiten ein Kind eingeschult wird. Ein verbindliches Vorschuljahr für alle Kinder würde diese Startbedingungen vereinheitlichen, bevor Unterschiede sich im Laufe der Schulzeit verfestigen. Das ist keine Frage von Ideologie, das ist eine Frage von Bildungsgerechtigkeit. Wir erwarten, dass die Staatsregierung das Vorhaben jetzt mit einem konkreten Zeitplan unterlegt, statt es weiter zu verschieben.“
DaZ-Förderung: Kürzung trifft die Falschen
Als weiteren Rückschritt bezeichnet Michael Jung die Umstellung der Sprachförderung für neu zugewanderte Kinder im Rahmen des Maßnahmenpakets des Kultusministeriums: „Die Zuweisung von DaZ-Stunden erfolgt inzwischen pauschal nach Klassen- und Gruppengröße statt nach dem tatsächlichen Sprachförderbedarf der einzelnen Kinder. In der Praxis heißt das: Ein Kind, das noch keine tragfähigen Deutschkenntnisse hat, verliert seinen Anspruch auf individuelle Förderung nach einer festen Zeitspanne – unabhängig davon, wo es tatsächlich steht. Wer will, dass zugewanderte Kinder in Mathematik oder Naturwissenschaften mithalten können, muss ihnen zuerst die Sprache dazu geben. Wir fordern eine bedarfsgerechte statt einer pauschalen Zuweisung von DaZ-Stunden und die Anerkennung von Deutsch als Zweitsprache als eigenständiges Unterrichtsfach mit entsprechender Ausbildung der Lehrkräfte. Alles andere ist Sparen an der falschen Stelle.“
Abordnungen: Basiskompetenzen geraten an der Grundschule ins Wanken
Besonders kritisch bewertet der Landesvorsitzende die im Zuge des Maßnahmenpakets verstärkten Abordnungen von Grundschullehrkräften an Oberschulen, um dort Unterrichtsausfall zu verringern: „Damit wird das Problem nicht gelöst, sondern verschoben – und zwar dorthin, wo die Basiskompetenzen entstehen, die PISA misst. Wenn Grundschulen ihre erfahrenen Lehrkräfte an Oberschulen abgeben müssen, fehlen dort oft genau die Klassenlehrerinnen und -lehrer, die den Leseerwerb und die mathematische Grundbildung über Jahre eng begleiten. Diese Kontinuität lässt sich nicht einfach durch wechselnde Vertretungen ersetzen. Wir sehen schon jetzt, dass dadurch nicht nur der aktuelle Unterricht leidet, sondern der gesamte weitere Bildungsweg der betroffenen Kinder gestört wird. Kurzfristige Verschiebungen von Personal lösen einen strukturellen Mangel nicht, sie verlagern ihn nur in die nächste Klassenstufe.“
Multiprofessionelle Teams: Unterstützung, die im Alltag fehlt
Einen weiteren Zusammenhang sieht Michael Jung zwischen den PISA-Ergebnissen und der Ausstattung der Schulen mit nicht-lehrendem Personal: „PISA zeigt, dass der familiäre Hintergrund über Bildungserfolg entscheidet wie nie zuvor. Genau diese Kinder brauchen mehr als guten Fachunterricht – sie brauchen Schulsozialarbeit, die auch außerhalb des Unterrichts ansprechbar ist, Schulpsychologie bei Lern- und Verhaltensproblemen und Assistenzkräfte, die individuelle Förderung überhaupt erst ermöglichen. Der SLV fordert deshalb seit Jahren den verbindlichen Aufbau multiprofessioneller Teams an jeder sächsischen Schule, nicht als Ausnahme an einzelnen Standorten. Stattdessen erschwert das aktuelle Maßnahmenpaket des Kultusministeriums genau das: Wenn Anrechnungsstunden und Entlastungsregelungen gekürzt werden, fehlt die Zeit, die Lehrkräfte für die Abstimmung mit Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Assistenzkräften bräuchten, und der Aufbau dieser Teams gerät ins Stocken, statt voranzukommen. Wer die soziale Schieflage bei PISA ernst nimmt, muss in genau diese Unterstützungsstrukturen investieren – kontinuierlich und an jeder Schule, nicht nur dort, wo gerade Mittel übrig sind.“
